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    Lehrstuhl für Religionspädagogik

    Wenn der Islam kein türkisches Gesicht hat

    Religiöse Erziehung in Deutschland und der Türkei

    Christliche und muslimische Religionspädagogen kamen Ende November auf Einladung des katholischen Theologen Professor Hans-Georg Ziebertz an der Uni Würzburg zusammen. Hier diskutierten sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen christlichem und muslimischen Religionsunterricht. Differenzen gebe es zwar in dogmatischer, aber kaum in pädagogischer Hinsicht, so die einhellige Meinung der Beteiligten.

    In Bayern sind die Weichen für die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts gestellt. Professor Harun Behr, ein zum Islam konvertierter Katholik aus Rheinland-Pfalz, ist an der Universität Erlangen-Nürnberg Bayerns erster Verantwortlicher für die Ausbildung von muslimischen Religionslehrern. Er berichtete von den Schwierigkeiten bei der Erstellung eines Lehrplans für das neue Fach.
    Zu unterschiedlich seien die Interessen gewesen: Für die einen soll der islamische Religionsunterricht die Lehren des Islam bekannt machen, für andere soll er helfen, den christlich-konfessionellen Religionsunterricht zu stabilisieren. Wieder andere meinten, der Islamunterricht müsse Terrorismus verhindern und die Moscheevereine austrocknen.
    Am Ende, so Behr, sei ein Konzept herausgekommen, das den Vergleich mit katholischem und evangelischem Unterricht nicht zu scheuen brauche. Bildungstheoretisch habe man sich an den Standards orientiert, die für alle Unterrichtsfächer gelten.
    Dass Islamunterricht nicht gleich Islamunterricht ist, wurde an den Ausführungen des türkischen Professors Recep Kaymakcan von der Universität Sakarya deutlich. Zum einen, so Kaymakcan, wache seit neuestem nicht mehr nur der türkische Staat über die Ziele und Inhalte der islamischen Unterweisung, sondern ein Gremium aus Schulpraktikern und Wissenschaftlern. Ausgeschlossen seien die religiösen Gemeinschaften selbst. Damit erhalte sich die Öffentlichkeit die Hoheit über die Ausrichtung der islamischen Unterweisung und beuge der Gefahr vor, dass der Unterricht für religiös-fundamentalistische Zwecke missbraucht werden könne.

    Wie dialogfähig ist der Islamunterricht?
    Auf die Frage angesprochen, wie dialogfähig der Islamunterricht in der Türkei sei, gab Kaymakcan zum einen zu bedenken, dass der Islam die Freundschaft zu den beiden anderen „heiligen Religionen“ Judentum und Christentum betone. Zum anderen gebe es keinen Zweifel, dass der Islam sich als die überlegene Religion verstehe. Daher wundere es auch nicht, dass muslimische Schüler in der Türkei in sehr hohem Maße exklusivistische Positionen vertreten, nach denen der Islam die einzige und wahre Religion ist, während christliche Schüler in Deutschland solche Aussagen über ihre Religion ablehnen. „Selbst die besonders Frommen teilen solchen Exklusivismus nicht“, sagt Ziebertz.
    Damit war die Kernfrage des Forums ausgesprochen: Wie pluralitätsfähig ist islamische religiöse Bildung? In der Türkei, so Kaymakcan, käme im Religionsunterricht das Christentum zur Sprache, aber meist nur bestimmte Epochen des Mittelalters. Das neuzeitliche Christentum spiele im Lehrplan kaum eine Rolle. Zudem werde das Christentum aus der Perspektive des Islam dargestellt, also als eine zwar heilige, aber letztlich korrupte Religion. Die Teilnehmer des Forums waren sich einig, dass hier Reformbedarf bestehe. Die Diplomtheologen Barbara Remmlinger und Markus Herbert vom Würzburger Lehrstuhl für Religionspädagogik machten am Beispiel eines kontrovers diskutierten Themas deutlich, nämlich der Rolle der Frau in den Religionen, welche Schwierigkeiten bestehen, einen pluralitätsfähigen Unterricht in interkultureller Hinsicht zu konzipieren.

    Problem: Innere Pluralität im Islam
    Wie hält es der islamische Religionsunterricht in Deutschland mit dem interreligiösen Dialog? Nach Harun Behr sei nicht so sehr die religiöse Pluralität in Deutschland das Problem muslimischer Bildung, sondern eher die innere Pluralität im Islam. Ein türkischstämmiger Schüler müsse erst einmal anerkennen, dass sein Tischnachbar aus Marokko ebenfalls Muslim sei und dass es einen Islam gibt, der kein „türkisches Gesicht“ hat.
    Der Veranstalter Professor Ziebertz fragte die eingeladenen Experten, ob es gesellschaftspolitisch hinreiche, dass jeweils in konfessioneller Geschlossenheit in die je eigene religiöse Überzeugung eingeführt werde, ohne dass es zur faktischen Begegnung und zum direkten Dialog komme. Der emeritierte Würzburger Religionswissenschaftler Norbert Klaes betonte hierzu, dass es keine Alternative zur Kooperation gebe. Man müsse anerkennen, dass der konfessionelle Unterricht Stärken und Schwächen habe, aber das gelte auch für einen so genannten „Religionsunterricht für Alle“, in dem bekenntnisfrei die unterschiedlichen Religionen vorgestellt werden.
    In einem abschließenden Podium fügte Hauptschulrektor Franz Wolf aus Lohr hinzu, dass es in der Praxis zahlreiche Kooperationsformen gebe. Man richte nicht immer erst den Blick nach oben und frage, was erlaubt sei. Lehrer handelten aus den Nöten der Praxis heraus und da gebe es viel mehr Initiativen, als der Öffentlichkeit bekannt seien.

    Nicht auf eigene Inhalte konzentrieren
    In seinem Schlussresümee betonte Ziebertz, dass konfessionelle religiöse Bildung gleich welcher Formation im Jahre 2006 die faktische religiöse Pluralität nicht mehr ausblenden könne und sich nicht ausschließlich auf die Weitergabe der eigenen Inhalte konzentriert dürfe. Vielmehr müsse die konfessionelle religiöse Bildung auf einen Dialog angelegt sein. Sie müsse die andere Religion einbeziehen, wenn sie die Frage nach dem Ziel des Lebens und nach der Existenz Gottes stelle. Christlicher und islamischer Religionsunterricht hätten die Aufgabe, junge Menschen für dieselbe pluralistische Gesellschaft auszubilden, in der sie friedvoll und engagiert zusammenleben sollen.
    Bei allen dogmatischen Unterschieden, so der Tenor unter den Experten, gebe es in bildungstheoretischer Hinsicht eine große Einigkeit, dass der Religionsunterricht nicht ausschließlich die eigene religiöse Auffassung bestärken soll, sondern den faktischen Dialog mit „den Anderen“ suchen muss. Die öffentliche religiöse Bildung stehe unter dem Anspruch, junge Menschen auf eine verantwortungsbewusste Teilnahme an der demokratischen Gesellschaft vorzubereiten. Bildung dürfe nicht Vorurteile verstärken und Konflikte schüren, sondern müsse aufklären und Reflexionsfähigkeit fördern, Dazu gehöre auch Kritikfähigkeit gegenüber religiösen Ansprüchen.
    Das nächste Forum dieser Art soll sich im Sommersemester 2007 mit der Frage beschäftigen, welche Geschlechterrollen von den beiden Religionen vertreten werden.

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